Kaleidoskop des Gehenlassens

© Luisa Kleine

Den kompletten Artikel zur #60 Ausgabe der OYA findet ihr auch Online.

https://lesen.oya-online.de/texte/3511-kaleidoskop-des-gehenlassens.html

Verlust von Gemeinschaft
Von Lena Gebhardt

Wer sich schon mal auf den Weg in Gemeinschaft gemacht oder den Wunsch gehegt hat, in Gemeinschaft zu leben, weiß vielleicht, welche Hindernisse, Blockaden und Widerstände einem sowohl innerlich wie auch äußerlich dabei begegnen können. Nicht selten ist es ein langjähriger mehrstufiger Prozess von der Idee, in Gemeinschaft zu leben – bis zur tatsächlichen Umsetzung – bis sich schließlich die Gruppe, der Ort, die Vision gefunden haben, denen mensch sich aus vollem Herzen gerne anschließen möchte. Viele Menschen gehen bei der Annäherung an eine Gemeinschaft erst mal wieder weg – oder drehen mehrere Runden, bis sie sich dazu durchringen zu sagen: »Ja, hier will ich dazugehören, mit euch will ich leben!« Was, wenn das Außen, die Gemeinschaft, nicht so positiv reagiert, wie angenommen?
Doch irgendwann bin ich dann tatsächlich drin, fühle mich zugehörig, identifiziere mich mit dem neuen System, den Werten und Normen der Gemeinschaft, dem Projekt oder der Region. Ich habe mir neue Horizonte erschlossen, habe Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, habe mich neuen Rollen anheim gegeben und Verantwortung übernommen. Ich kann die Vorzüge des Biotops genießen, volle Versorgung aufgrund der gemeinschaftlich organisierten Verpflegung, Gemeinschaftsküche, biologisches Gemüse aus eigenem Anbau mit sozialer Einbettung. Kreative Angebote und menschliche Kontakte in Überfülle, gemeinsames Singen und Musizieren, geistige Inspiration, Gefühlsarbeit, Rederunden, Kuschelkreise und Tanzabende: Was das Herz begehrt und sich einst so dringend herbeisehnte, ist jetzt da. Verbundenheit, Nähe und Intimität werden völlig neu erlebt.
Wieso um Himmels willen sollten sich Menschen denn, endlich in der Herde, im Stamm angekommen, dann wiederum dazu entschließen, aus einer bestehenden, etablierten, wohldurchdachten, gutstrukturierten und inspirierenden Gemeinschaft ausscheiden zu wollen? Die Suche geht von Neuem los. Wie will ich eigentlich leben? Mit wem? Wer sind meine Herzens-Verbündeten? In ein anderes Gemeinschaftsprojekt? Naturnaher? Im Ausland? In der Stadt endlich mal wieder allein in einer Wohnung leben? Es ist spürbar, es drückt und zwackt seit Langem, das Leben will sich entwickeln. Ich bin nur noch nicht bereit dazu. Warte noch ein bisschen, halte still und harre aus. Es muss erst so unaushaltbar drücken, dass ich den Sprung wage – ins Nichts hinaus.
Gibt es da draußen überhaupt Leben? Ernsthafte existenzielle Ängste durchfahren den Leib. Es fühlt sich an, wie ausgestoßen zu werden aus dem Stamm. Ohne die Anderen werde ich nicht überleben können. Das Stammhirn blinkt unaufhörlich. Es gleicht einer Geburt, durch die Enge ins Nicht-Wissen einzutauchen – werde ich jemals am anderen Ende ankommen? War ich doch wohlversorgt, in völlige Einheit eingetaucht, drängt es vom innersten Kern heraus nach draußen: in die große weite Welt der Konsum- und Konkurrenzgesellschaft. Ja, es gibt sie immer noch. Wieso genau wollte ich diesen Schritt noch einmal? Um zu erfahren, dass ich mich über das gemeinschaftliche Gefüge identifiziert, mich im Wir völlig aufgelöst habe. Das war doch gar nicht mal so schlecht – diese Symbiose-Erfahrung. Wie bei Mama im Bauch? Jetzt bin ich wieder mit der nackten Wirklichkeit konfrontiert. Notgedrungene Einkäufe im Supermarkt blieben mir die letzten Jahre erspart – was für ein riesiger Irrsinn, diese abgetrennte Lebensweise, abgepackte Lebensmittel, die was weiß ich woher auch immer auf diesem Planeten kommen. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir kulturell in gemeinschaftlichen Versorgungskreisen organisiert wären und uns gemeinsam darüber verständigen müssten, was wir zu kaufen und zu speisen verantworten können?
Ich flüchte mich gedanklich in »Utopien« von Was-wäre-Wenn und so weiter und schwelge dabei in Erinnerungen an Zeiten, als ich mich als Teil von etwas Größerem erlebt habe und sich die Trennung zwischen Ich, Du, Wir langsam aufzulösen bzw. zu verschwimmen begann. Als ich meinen Blick in den Kreis schweifen ließ – als es sich noch anfühlte nach: »Ja genau das bin ich auch!« Die Anderen und ich, wir sind eins – abgefahrene ­Erfahrung.

Defend the Sacred – Konferenz für den globalen Systemwechsel

Ein Erlebnisbericht erschienen auf dem ZEGG Blog im November 2019 von Lena Gebhardt

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https://blog.zegg.de/2-uncategorised/42-defend-the-sacred.html

Das diesjährige Treffen „Defend the Sacred“ fand vom 16.-19. August 2019 zum dritten Mal in Tamera in Portugal statt. Mehr als 300 Aktivist*innen aus indigenen Gemeinschaften, sozialen Bewegungen und alternativen Lebensentwürfen kamen zusammen.

Mehr als jemals zuvor ist es notwendig zu begreifen, dass wir als Menschheit Teil eines großen Ökosystems sind, welches sehr fein abgestimmt und auch fragil zusammen wirkt. Wir dürfen lernen, wie wir mit all unseren Handlungen, Gedanken und unserem Bewusstsein auf das Zusammenspiel des Planeten Einfluss nehmen. Wir sind verbunden.

Die Kerngruppe hatte sich bereits einige Tage zuvor versammelt um sich gemeinsam auf das Gathering einzustimmen. Dabei waren Young Elders – junge Aktivista und Träger*innen der Bewegung. Sprecher*innen für die Vormittage waren beispielsweise LaDonna (Lakota und Initatorin der „Standing Rock Bewegung“ in Dakota), Tiokasin Ghosthorse (Autor und Host des ersten Indigenen Radios in New York), Gigi Coyle (Gemeinschaftaktivistin, Rites of Passage Guide und Council Trainerin), Pat McCabe (Navajo Medinzinfrau, internationale Sprecherin & Zeremonienmeisterin) sowie Besime Konca (leitend in der kurdischen Frauenbewegung und gestaltend in der Turkish MP aktiv). Diese Genannten sind nur einige der Persönlichkeiten, die in dem konzentrierten Feld zusammen kamen.   

Die Konferenz glich vom Anfang am Freitagnachmittag bis zum Abschluss am Montagmittag einer großen Zeremonie. Die rituelle Eröffnung fand am ersten Abend im Steinkreis auf einer Anhöhe des Geländes statt. Dieser magisch anmutende Ort empfing das erste Mal eine so große Gruppe an Menschen. Der Steinkreis ist eine Anordnung zum Teil menschengroßer Findlinge und einzelner ausdrucksstarker Felsen, in welche mit langjähriger Planungs- und Visionszeit ein Symbol eingemeißelt wurde. Jeder der TeilnehmerInnen konnte ein kleines Geschenk mitbringen, eine Blume oder ein Pflänzchen, ein Steinchen vom See oder eine Frucht vom Haselnussstrauch. Bereits bei dieser Eröffnung war das Zusammenwirken der Ältesten des Kreises und der jungen Generation beeindruckend. Nach dem offiziellen Schluss mit einem gemeinsamen Lied verweilten viele der Anwesenden noch in der Präsenz des aufgehenden Mondes und Einzelne der Teilnehmenden sangen Lieder, sodass die anderen mit einstimmen konnten.    

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Dieter Duhm als Mitgründer von Tamera (siehe unten), Futurist und Soziologe sprach zu uns am letzten Vormittag. Er hat sein Retreat, in welchem er sich aufgrund chronischer Beschwerden befindet, unterbrochen, um in schlichten, klaren Worten seine Wahrheiten zu den Zusammenhängen des inneren und äußeren Friedens in der Welt auszusprechen. Er erläuterte, dass es einen Wendepunkt in uns selbst gibt und dass unser Aktivismus wesentlich davon geprägt ist, ob wir innerlich Frieden empfinden oder ob wir uns nach wie vor im Kampf gegenüber dem Leben, unserer ursprünglichen Natur, uns Selbst, der Welt, der Liebe und unseren Mitmenschen befinden. Er zog Parallelen zur Studentenbewegung der 68er, in welcher er leitend aktiv war und erlebt hat, welchen Einfluss die jeweiligen emotionalen & geistigen Zustände der Akteure auf die gesamte Bewegung hatten und wie sie damit deren Ausgang bestimmten. Sein Anliegen ist es, dass die aktuellen Bemühungen, gesellschaftsverändernd zu wirken, auf diesen Erfahrungen aufbauen, so dass transformative Entwicklungen möglich sind. Als dritter Mann neben Dieter Duhm und Martin Wieniecki (siehe unten) sitzt an diesem Vormittag auch Benjamin von Mendelsohn auf der Bühne. Er wirkt aktiv in der Globalen Liebesschule in Tamera mit und ist Direktor der Grace Stiftung.   

Diesem männlich geprägten Vormittag ging ein Vormittag mit Sabine Lichtenfels und Pat McCabe voran, welcher eine Fortführung des vorangegangen Workshop-Tages war. In der Zelthalle kamen an jenem Nachmittag rund 100 Menschen zu einem Workshop „Womens Awakening & Feminine Force for a global Change“ zusammen. Mit von der Partie waren Besime Konca und deren Übersetzerin, die unter gespannter Atmosphäre ein Traktat zur Befreiung des Weiblichen in den kurdisch und türkisch geprägten Landstrichen verlasen. Es war eine höchst konzentrierte und mitfühlende Stimmung im Raum. Mit vielen unterschiedlichen Nationen im Raum zu sitzen und sich bewusst der Situation von Frauen in deren Heimatland, ihren Hoffnungen, Geschichten, Forderungen und Visionen zuzuwenden, war bereits ein Akt des Friedens. Sich aus der Position westlich sozialisierter und privilegierter Ansichten vom Herzen her den Schicksalen unserer Schwestern zuzuwenden, erforderte eine gehörige Portion Präsenz. Den langwierigen und durchaus herausfordernden Ausführungen mit offenem Geist zu folgen war eine intensive Art, Gemeinschaft zu erleben. Im gemeinsamen Teilen, Hören und Verstehen entstand eine Weite für alle Beteiligten, welche über die Erfüllung persönlicher situativer Bedürfnisse weit hinaus ging.   

Ähnlich erging es uns auch im zweiten Teil des Nachmittags, in dem wir im Format des Fishbowls einem Kreis von 9 Personen lauschten, die sich dem Thema „Gemeinschaft als Form des Aktivismus“ zuwendeten. Darunter waren zwei Personen aus Tamera: zum einen Vera Kleinhammes (Gemeinschaftsaktivistin und in der Koordination des Global Campus in Tamera tätig) und Anita (eine 12Jährige Schülerin). Letztere spricht kurz, klar und prägnant aus, was mich zutiefst bewegt. Ihr ganzes Leben verbrachte sie in Tamera. Sie kennt Gemeinschaft von Grund auf.

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Am Samstagnachmittag wurden in einem riesigen, beeindruckend koordinierten Open Space Format über 40 verschiedene Treffen angeboten, um sich zu den mitgebrachten internationalen Themen der Teilnehmenden auszutauschen und die Möglichkeit zu haben, sich weltweit zu vernetzen. So waren beispielsweise eine europäische Abordnung von Extinction RebellionFavella de Pazaus Brasilien, die Friedensgemeinschaft San José de Apartadó aus Kolumbien, Friedensaktivisten aus Palästina, Israel und dem Nahen Osten präsent.   

Neben der Möglichkeit, sich kennenzulernen und zu relevanten politischen Themen vor Ort auszutauschen, ist es wesentliche Absicht der Konferenz, menschliche Allianzen zu schmieden und eine Absichtserklärung abzugeben, die über die nationale und religiöse Zugehörigkeit hinaus für den Frieden steht. Es geht letztlich um ein Einheitsbewusstsein, welches erkennen lässt, dass wir mit allem verbunden sind. Dieses zellulär, emotional und auch gedanklich zu begreifen, verdanken wir immer wieder dem Einfluss von schamanischem Urwissen: Wir sind die Luft, die wir atmen, und wir sind der Himmel, zu dem wir hinauf blicken. In unserer Sprache vollziehen wir oftmals eine gefühlte Trennung. Es gibt jedoch indianische Worte und Silben, die alles beinhalten.  

Wasser ist Leben. Leben ist heilig. Wir in der westlichen Welt sind überwiegend in der privilegierten Situation zu entscheiden, welches Wasser wir trinken wollen: still, mit oder ohne Kohlensäure, in Glas oder Plastik eingefüllt. Der Wasserstand in den angelegten Seen, die Teil der Wasserretentionslandschaften von Tamera sind, war noch nie so niedrig wie in diesem Jahr. Wir als Gäste werden gebeten, das Wasser in diesem Gewahrsein zu nutzen – vor allem beim Duschen. Die Toiletten sind seit Beginn auf Trockennutzung in Form von Komposttoiletten angelegt. Dabei kann sich Tamera im Vergleich zum Umland immer noch „reich“ an Wasser schätzen. Wie sehr leben wir doch in Fülle und wie kann es sein, dass allzu oft die Mangelperspektive dominiert?  

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Täglich treffen wir uns in kleinen Untergruppen, welche nach aussterbenden Tierarten benannt sind, wie z.B. der „Ganges Hai“. So bekommen wir aufs Neue die Möglichkeit geschenkt, unseren Horizont zu erweitern, uns unserer Nabelschau bewusst zu werden und zu erkennen, dass wir uns weltweit schon seit Längerem in einer drastischen Situation befinden – nicht nur als Menschheit. Denn unsere Spezies ist nur ein Teil des komplexen Ökosystems, welches bedroht und bereits vom Aussterben betroffen ist.   

Fragen, die aufkamen, welche wir im Großen und in den kleineren Kreisen bewegten, und Anstoß gaben, aus der Taubheit, Scham und Hypnose, in welche uns die industrialisierte, technisierte und konsumorientierte Gesellschaft häufig verführt, aufzuwachen.  

  •  Wie können wir unseren geistigen, emotionalen & spirituellen Hunger stillen?  
  •  Wenn wir davon ausgehen, dass die Krise und der damit einhergehende Wandel unvermeidbar sind, was ist unsere Antwort? Welche Entscheidungen gilt es zu treffen? Welche Selbstverpflichtungen wollen wir uns geben, erneuern oder vielleicht zum ersten Mal beabsichtigen?  
  •  Wie können wir uns mit einer Kraft verbinden, welche über uns hinaus geht und in der Lage ist, zu Missständen, Initiativen und Bewegungen entschieden „Nein“ zu sagen, wenn es das erfordert?  
  •  Wie würde eine Welt aussehen, in welcher wir uns in der Schüchternheit und der erblühenden Kraft unserer inneren Jugendlichen im zarten Alter von 13 Jahren begegnen würden? Welche Träume hätten wir? Wie radikal und revolutionär wären unsere Gedanken und daraus resultierenden Handlungen?  
  •  Wie lässt sich die Krise in einen Initiationsprozess der Menschheit verwandeln, so dass wir anfangen, erwachsen zu werden?  

Wie würde eine Menschheit aussehen, die zutiefst im ökologischen Gleichgewicht lebt? Es ist die Aufgabe unserer Zeit Kulturschaffende zu sein: zu schützen, pflegen und kreieren was wir lieben und was uns so heilig ist, dass wir selbstverständlich auf Erhaltung und Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Wir wollen ein Gesellschaftssystem aufbauen welches nach gemeinschaftlichen Grundgedanken ausgerichtet ist, für uns und weit über uns hinaus. Sodass wir eines Tages alle sagen können: „Alles was ich (er)lebe ist Gemeinschaft“.   

 Es gibt dieser Tage vielfältige Möglichkeiten sich aktiv zu beteiligen: zum Beispiel am Klimastreik am 29. November in über 200 Städten in Deutschland.   

https://fridaysforfuture.de/neustartklima/

 Bücher & Links:    

  •  www.tamera.org    
  •  https://www.youtube.com/results?search_query=defend+the+sacred+2019    
  •  Defend the Sacred. Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben.Verlag Meiga, 2019.   
  •  Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt. Von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels, 2018  
  •  Tamera – ein Modell für die Zukunft. Von Leila Dregger, Verlag Meiga 2015    Alle Bücher erhältlich bei: www.Verlag-Meiga.org oder im Buchhandel  

 Weitere Initiativen:    

Tamera ist eine Gemeinschaft von ca. 150 Menschen. Sie wurde 1995 im Süden Portugals gegründet. Das Gelände hat die Form eines Vogels und ist eingerahmt von den Hügeln der Umgebung. Auf dem Platz sind die Gebäude weitläufig angelegt: der Gästebereich am Campus, der Platz der Kinder mit einer eigenen Schule (für Gemeinschaftskinder und inzwischen auch viele portugiesische Kindern aus der Region), das Kulturcafé, das Solarvillage und der politische Ashram „Haus Akron“, um nur einige davon zu benennen. Einer der wesentlichen Aktivisten der Veranstaltung ist Martin Winiecki – ohne seine Ideen und seine Initiative gäbe es die Konferenz nicht. Er landete als junger Mann in Tamera und beeindruckte mit seinem Engagement und Einsatz für das politische Geschehen der Welt die Gemeinschaft. Eine starke weibliche Stimme der Tamera-Gemeinschaft ist Sabine Lichtenfels. Sie ist Friedensaktivistin und leitet die Globale Liebesschule im Heilungsbiotop. Ihre neuste Buchveröffentlichung „Und sie erkannten sich“, gemeinsam mit Dieter Duhm, handelt vom Frieden zwischen den Geschlechtern. Auch die Gründung Tameras geht maßgeblich auf das Wirken und Visionieren beider zurück.

Die Fotos im Beitrag sind von Sharon Avraham.

Nachhaltiges Leben im Einklang

erschienen in der SEIN Brandenburg Online Frühjahr 2020

https://www.sein.de/nachhaltiges-leben-im-einklang.de

Es ist an der Zeit zu erforschen, wo wir Wesen uns immer noch unserer Kraft berauben, wo wir der Annahme folgen, wir wären minderwertig und müssten anders, besser, schneller, technokratischer und talentierter sein. Wir versuchen das Leben in all seinen chaotischen Windungen zu negieren und in eine Form zu pressen. Wir tun es mit unseren Leibern, unseren Gefühlen, unserem Geist und unserer Seele. So, wie wir es mit der Seele der Erde tun. Sie gefügig machen, in Parzellen unterteilen, so dass große Landmaschinen einen höheren Ertrag abernten können. Auf Termin hygienisch und sauber gebären und sterben, so wie das ganze Dazwischen auch kataloggerecht möbliert wird.

Nachhaltiges Leben

Ich brauche die anderen – meine Freunde, den Nächsten um mich herum, um mich zu erinnern. Im Kreis zusammenkommen, Verständigung und Gemeinschaft bilden. Für kurz oder lange eintauchen in einen menschlichen Umraum, der größer ist als ich selbst und der mich zutiefst zu mir selbst und uns zueinander führt. Essenzen sprechen, wahrnehmen, was ist, zuhören, lauschen, ins Sein sinken. In der UBahn, beim Bäcker, im Warteraum mir des Einsseins mit dem Kleinkind gegenüber, der gestressten Mutter und der unbeantworteten Fragen, die mir durch den Kopf schwirren, bewusst werden. Wie kann ich meine Fühlkapazität auf den Menschen neben mir ausweiten oder auf das, was gerade nicht so sein soll? Nachhaltiges leben leben und Taubheitsschwelle senken: Was darf noch zu mir dringen von all dem Leid, Schmerz und der Freude und Fülle, die mich umgeben? Ein tiefes JA zum Leben geben, mir selbst und dem Spiegel, den DU mir gerade bietest.

„We are all we need“

Wenn wir dieser Tage in die Welt blicken, die politische Situation erfassen, wird deutlich: Unsere Kraft und Intuition sind mehr als gefragt. Was hält uns davon ab, nachhaltiges Leben zu leben, und bringt uns dazu, unsere Position und Rollen selbst zu sabotieren? Was steht uns im Wege, wenn nicht wir selbst? Uns von den Missständen erreichen lassen. Den Begebenheiten, die, statt fürs Leben zu gehen, unsere Lebensgrundlage zerstören und die unserer Kinder. Zutiefst die Information der Not weltweit und des Schmerzes in all seinen skurrilen Ausmaßen zu uns dringen lassen. Unseren Blick durch die Regale im Supermarkt schweifen lassen, um herauszufinden, was uns nährend sein könnte.

Bio, plastikverpackt, regional und saisonal, – exotisch experimentelle Küche oder doch zur Perfektion auf uns Konsumenten durchgestylt? Wer hindert uns am einfachen Leben? Unsere Nachbarn zum Essen einzuladen, gemeinsam kochen, Foodsharing, gemeinschaftliche Lebensmittelgrundlagen schaffen, zusammen gärtnern und wohnen? Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt? Eine Entscheidung treffen fürs Leben. Was ist erst mal augenscheinlich ein Mehraufwand? Welche Investitionen lohnen sich, wie z.B. schon das dritte Mal unentgeltlich nach den Kindern der Nachbarin geschaut zu haben?

Private, individuelle Entscheidungen nehmen Ausmaße von ungeheurer Dichte in unserer heutigen Gesellschaft ein. Aussteigen aus dem „Ich mag dies nicht – ich mag das nicht“: Wie ich aussehe, wie ich rede, wie ich schreibe. Meine Kleider, meine Emotionen – Nabelschau bis ins Kleinste betreiben und dabei vergessen, in welch grandioses Privileg uns die Schöpfung versetzt hat. Gewahrsein für die großen Zusammenhänge. Erkennen, wie wir uns selbst einengen in unserem Wachsen und Wirken. Im Widerstand verlieren und im Leiden sowie der damit einhergehenden Lähmung verharren oder im Gegenteil uns overpowern und ausbrennen – zuallererst innerlich.

Klimawandel, innere und äußere Überhitzung, ständige Reizüberflutung. Via Mail, Whatsapp, Twitter und wie sie sonst noch alle heißen. Vergessen, dass uns unsere Natürlichkeit abhanden gekommen ist – unsere Wildnatur. Erkennen, wie unsere Umwelt uns allgegenwärtig einlädt, tiefer zu atmen, dem Zwitschern des Vogels am Fenster zu lauschen. Am Baum verweilen – in Muße, nur für einen Augenblick die Zeit vergessen – um uns zu erinnern. Verbunden – mit Allem, um damit ein Potenzial, welches in der Ruhe, der Sammlung und unserer Kraft steckt, wieder zu erlangen. Wilde, weise Wesenheiten: Wir rufen auf, Raum zu bereiten, wo es möglich wird, sich mit der Kraftquelle und dem Leben selbst zu verbinden, welches uns zutiefst zu eigen ist.

Wo wir genau wissen, was wir können, wo unsere Grenzen liegen, wo wir ein Ja oder auch ein Nein voll geben können. Mit der Unterstützung aus dem Kreis erkennen, welche Muster uns nicht länger dienen, um aus dieser Erkenntnis heraus uns auf unser höheres Licht auszurichten. In welchem die Qualitäten unserer Liebe und unserer Wut in Balance sind, sich ergänzen und wissen, wann wer aus dem inneren Kabinett gefragt und am Zug ist. Für ein nachhaltiges Leben im Einklang mit Allem.