Kaleidoskop des Gehenlassens

© Luisa Kleine

Den kompletten Artikel zur #60 Ausgabe der OYA findet ihr auch Online.

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Verlust von Gemeinschaft
Von Lena Gebhardt

Wer sich schon mal auf den Weg in Gemeinschaft gemacht oder den Wunsch gehegt hat, in Gemeinschaft zu leben, weiß vielleicht, welche Hindernisse, Blockaden und Widerstände einem sowohl innerlich wie auch äußerlich dabei begegnen können. Nicht selten ist es ein langjähriger mehrstufiger Prozess von der Idee, in Gemeinschaft zu leben – bis zur tatsächlichen Umsetzung – bis sich schließlich die Gruppe, der Ort, die Vision gefunden haben, denen mensch sich aus vollem Herzen gerne anschließen möchte. Viele Menschen gehen bei der Annäherung an eine Gemeinschaft erst mal wieder weg – oder drehen mehrere Runden, bis sie sich dazu durchringen zu sagen: »Ja, hier will ich dazugehören, mit euch will ich leben!« Was, wenn das Außen, die Gemeinschaft, nicht so positiv reagiert, wie angenommen?
Doch irgendwann bin ich dann tatsächlich drin, fühle mich zugehörig, identifiziere mich mit dem neuen System, den Werten und Normen der Gemeinschaft, dem Projekt oder der Region. Ich habe mir neue Horizonte erschlossen, habe Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, habe mich neuen Rollen anheim gegeben und Verantwortung übernommen. Ich kann die Vorzüge des Biotops genießen, volle Versorgung aufgrund der gemeinschaftlich organisierten Verpflegung, Gemeinschaftsküche, biologisches Gemüse aus eigenem Anbau mit sozialer Einbettung. Kreative Angebote und menschliche Kontakte in Überfülle, gemeinsames Singen und Musizieren, geistige Inspiration, Gefühlsarbeit, Rederunden, Kuschelkreise und Tanzabende: Was das Herz begehrt und sich einst so dringend herbeisehnte, ist jetzt da. Verbundenheit, Nähe und Intimität werden völlig neu erlebt.
Wieso um Himmels willen sollten sich Menschen denn, endlich in der Herde, im Stamm angekommen, dann wiederum dazu entschließen, aus einer bestehenden, etablierten, wohldurchdachten, gutstrukturierten und inspirierenden Gemeinschaft ausscheiden zu wollen? Die Suche geht von Neuem los. Wie will ich eigentlich leben? Mit wem? Wer sind meine Herzens-Verbündeten? In ein anderes Gemeinschaftsprojekt? Naturnaher? Im Ausland? In der Stadt endlich mal wieder allein in einer Wohnung leben? Es ist spürbar, es drückt und zwackt seit Langem, das Leben will sich entwickeln. Ich bin nur noch nicht bereit dazu. Warte noch ein bisschen, halte still und harre aus. Es muss erst so unaushaltbar drücken, dass ich den Sprung wage – ins Nichts hinaus.
Gibt es da draußen überhaupt Leben? Ernsthafte existenzielle Ängste durchfahren den Leib. Es fühlt sich an, wie ausgestoßen zu werden aus dem Stamm. Ohne die Anderen werde ich nicht überleben können. Das Stammhirn blinkt unaufhörlich. Es gleicht einer Geburt, durch die Enge ins Nicht-Wissen einzutauchen – werde ich jemals am anderen Ende ankommen? War ich doch wohlversorgt, in völlige Einheit eingetaucht, drängt es vom innersten Kern heraus nach draußen: in die große weite Welt der Konsum- und Konkurrenzgesellschaft. Ja, es gibt sie immer noch. Wieso genau wollte ich diesen Schritt noch einmal? Um zu erfahren, dass ich mich über das gemeinschaftliche Gefüge identifiziert, mich im Wir völlig aufgelöst habe. Das war doch gar nicht mal so schlecht – diese Symbiose-Erfahrung. Wie bei Mama im Bauch? Jetzt bin ich wieder mit der nackten Wirklichkeit konfrontiert. Notgedrungene Einkäufe im Supermarkt blieben mir die letzten Jahre erspart – was für ein riesiger Irrsinn, diese abgetrennte Lebensweise, abgepackte Lebensmittel, die was weiß ich woher auch immer auf diesem Planeten kommen. Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir kulturell in gemeinschaftlichen Versorgungskreisen organisiert wären und uns gemeinsam darüber verständigen müssten, was wir zu kaufen und zu speisen verantworten können?
Ich flüchte mich gedanklich in »Utopien« von Was-wäre-Wenn und so weiter und schwelge dabei in Erinnerungen an Zeiten, als ich mich als Teil von etwas Größerem erlebt habe und sich die Trennung zwischen Ich, Du, Wir langsam aufzulösen bzw. zu verschwimmen begann. Als ich meinen Blick in den Kreis schweifen ließ – als es sich noch anfühlte nach: »Ja genau das bin ich auch!« Die Anderen und ich, wir sind eins – abgefahrene ­Erfahrung.

ONE BILLION RISING Aktion

am 14. Februar 2019 im ZEGG

Gewidmet der Liebe zu allem Lebendigen. Rund 50 Personen standen um 7:30 Uhr gemeinsam auf, um sich mit der an diesem Tage stattfindenden weltweiten Protestaktion „One Billion Rising“ zu erheben. Der Aufruf gilt all Jenen die sich gegen die Gewalt an Frauen und insbesondere für ihre körperliche Unversehrtheit, Freiheit und Selbstbestimmung aussprechen. Nein zu Missbrauch, sexueller Gewalt, Folter, Verleumdung & Verrat. Ziel ist 1 Milliarde Menschen dafür zu gewinnen, gemeinschaftlich an diesem Tage zu tanzen. Mehr Informationen und Mitmachmöglichkeiten gibt´s auf der Aktions-Webseite: www.onebillionrising.de.

Gekleidet in Rot & Weiß strömten die Tänzer und Tänzerinnen aus der Gemeinschaft und Nachbarschaft auf den Campus. Unser großer roter Teppich verzierte diesen stilvoll. Dieses Jahr haben wir uns das erste Mal tanzend dem globalen Aufbegehren angeschlossen, dem wir thematisch von Anbeginn sehr verbunden sind. Yvonne Marie Kolinsky hatte bereits vor Tagen mit uns die dazugehörige Choreographie einstudiert und beflügelte uns auch heute Morgen als Vortänzerin. Wir waren innerlich und äußerlich sehr bewegt und hatten dabei super viel Spaß. Bereits nach wenigen Minuten war die Kühle des Morgens & die Müdigkeit aus den Gliedern gewichen. Wir tanzten 4 mal – jedes weitere Mal steigerte die Freude am Tanz – wir lauschten gemeinsam der Absicht & verabschiedeten uns nachdenklich in Stille von diesem besonderen Morgen, verbunden mit allem Lebendigen.
Tanzperformance: Yvonne Marie Kolinsky
Projektinitative vor Ort & Text: Lena Gebhardt

„Wir stehen heute Morgen hier um aufzustehen & aufzuwachen

aus der Besinnungslosigkeit unseres Planeten –

um uns ergreifen zu lassen

was weltweit genau in diesem Augenblick

für Schandtaten an Frauenkörpern begangen werden.

Wir erklären, dass wir unsere Kraft für das Leben einsetzten

und jegliche Form der Gewalt ein Ende finden möge.

Wir agieren in dem Wissen & der Bewusstheit,

dass all das Unheil auch in uns lebendig ist.

Wir bedauern all die Momente in denen wir weg geschaut,

das Wesentliche überhört und geschwiegen haben.

In welcher uns die Dimension und die Tragweite des Missbrauchs

des Weiblichen in all seinen Facetten zu groß erschien und ich

wir uns der Taubheitswelle anheim gegeben haben.

Wir erklären die Freude & die Lust fürs Leben einzusetzen

und widmen den Tanz all den Frauen die unterdrückt,

gefoltert – missbraucht & geschändet werden.

Und wir möchten all jenen Frauen gedenken, die Trotz dessen

ihren Mut bewiesen haben & großartiges zum Schutz des Lebens

geschaffen haben.

Wir sind eine Menschheit – wir danken all jenen Vätern, Männern, Brüdern,

Freunden & Söhnen die sich für den Schutz des Lebens einsetzen und uns zur Seite stehen.

Auf dass das unsägliche Leiden weltweit ein Ende haben möge &

Frieden für alle Geschlechter einkehren möge.

Ich liebe meinen Körper.

Ich liebe meine Sexualität.

Ich liebe Frauen.

Ich liebe Männer.

Ich liebe das Leben.

In diesem Sinne lasst uns Tanzen.

Wir sind es die den Unterschied machen.“